20,000 Days on Earth

Iain Forsyth, Jane Pollard, GB, 2014o

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24 heures dans la vie de la célèbre rock star d’origine australienne Nick Cave. Une journée en apparence comme les autres, mais où les notions de réalité et de fiction finissent par se brouiller et s’entrelacer.

Inspiré, fourmillant d'idées de mise en scène, ce documenteur distille aussi avec parcimonie les moments musicaux, décuplant ainsi leur puissance. Et notre émotion.

Jérémie Couston

20 000 jours sur Terre est un portrait touchant et passionnant, qui non seulement ravira les sectateurs de Nick Cave mais devrait en grossir les rangs.

Thomas Sotinel

Galerie photoso

The New York Times, 15/09/2014
© Tous droits réservés The New York Times. Fourni par The New York Times Archiv
16/12/2019
Die Weisheit des Herrn Höhle

Das Genre des Musik-Dokumentarfilms ist oft geschändet worden. Doch "20 000 Days on Earth" über einen erfundenen Tag im Leben von Nick Cave ist anders. Es könnte passieren, dass man dem Sänger verfällt.

De Jens-Christian Rabe 

Man kann sein Glück immer mal wieder kaum fassen, wenn man diesen Film sieht. Dann beugt man sich ungläubig nach vorne, als könne man ihn besser verstehen, genauer sehen, wenn man nur nahe genug dran ist.

Zunächst ist 20 000 Days On Earth, inszeniert von den beiden britischen Filmemachern Iain Forsyth und Jane Pollard, eine Dokumentation über den 1957 geborenen australischen Musiker Nick Cave. Also den Sänger, Songwriter, Dichter, Schriftsteller, Ex-Junkie und Ex-Punk, den man den "Bob Dylan der Achtziger" nannte und der lange einer der sagenumwobenen lebenden Toten des Rock 'n' Roll war.

Später - als er die harten Drogen hinter sich hatte - wurde er dann schwarzer Dandy, Mörderballadier, schließlich hochverehrter schwermütiger Schmerzensmann des Pop und endlich einer der großen Weisen dieser Kunst. Ja, man muss das jetzt doch genau so sagen, denn spätestens nach 20 000 Days On Earth kann es daran keinen Zweifel mehr geben. Aber vielleicht erst mal eins nach dem anderen und zum Schluss noch ein Wort zur Weisheit.

Für seine Fans, die mindestens in den vorderen Reihen selbstverständlich Jünger sind, besteht über die Unvergleichlichkeit Nick Caves natürlich schon lange Einigkeit. Unter den begnadeten Rampensäuen des Pop ist er ja der Publikumsbeschwörer. In einer langen Konzertszene im Film wird das eindrucksvoll gezeigt. Die quasi-religiöse Verzückung, die er da zu erwecken vermag, ist ein großes Schauspiel. Die Frau im Publikum, zu der er sich herunterbeugt und deren linke Hand er zu der mantrahaft wiederholten, heiser geflüsterten Songzeile "Can you feel my heart beat" über das weit aufgeknöpfte goldene Glitzer-Hemd an sein Herz führt, nickt wie in Trance. Ein Wunder, dass sie nicht in Ohnmacht fällt, als er ihr am Ende auch noch ganz leicht mit dem Handballen auf die Stirn tippt. Der Cave-Segen.

Aber das war, wenn man so will, der Stand der Dinge. Und alle, die sich nicht zur Gemeinde zählen, befremdet dieser Pathos-Irrsinn gelegentlich, mit dem Nicholas Edward Cave - er heißt wirklich Cave mit Nachnamen, Herr Höhle - da vor aller Augen und Ohren durch die tiefsten Tiefen seiner Seelenhöhlen taumelt. 20 000 Days On Earth ist ganz in diesem Sinne auch eine große Inszenierung geworden, aber eben doch keine orthodoxe Dokumentation. Weniger wahrhaftig nämlich, dafür wahrer. Und klüger, lustiger, kompletter, gültiger.

Ästhetik wie von David Lynch

Cave ist nicht nur Gegenstand und Erzähler des Films, er wird hier auch als Co-Autor des Drehbuchs geführt. Bei den meisten Szenen ist die Kamera eindeutig nicht nur dabei gewesen - die Szenen wurden unübersehbar für sie konzipiert. Die Ästhetik der Bilder ist wohl am ehesten mit der der Filme von David Lynch zu vergleichen. Also immer etwas schattig, düster, minimalistisch, nüchtern, rätselhaft bedrohlich. Aber Nick Cave selbst könnte ja auch sehr gut eine Figur aus einem David-Lynch-Film sein.

Dieser Wille zu Kunst und Stilisierung hätte sehr leicht ins Nirgendwo führen können, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Effekt ist eher eine Art Befreiung von den Konventionen des Musik-Dokumentarfilms - und damit dem elenden Zwang zur Selbst-Identität, der die Protagonisten dieser Filme gerne auffrisst. Hier nicht. Wir erleben vielmehr einen erfundenen Tag im Leben Nick Caves im englischen Seebad Brighton.

Er wacht um sieben Uhr neben seiner Frau auf, spricht mit seinem Psychotherapeuten über seine frühesten erotischen Erfahrungen, kommentiert im Nick-Cave-Archiv alte Fotos und plaudert, während er in seinem Rolls durch die Gegend fährt, mit Weggefährten wie Blixa Bargeld, Ray Winstone oder Kylie Minogue. Über die Frage, wohin es führt, wenn man unbedingt jemand anderes sein möchte, darüber, was man mit einem Pop-Song überhaupt sagen kann oder darüber, wie weit das Charisma eines Stars eigentlich wirkt - bis zum letzten Zuschauer oder doch nur bis in die erste Reihe.

"Wer kennt schon seine eigene Geschichte?"

Von den Sätzen, die dabei dann plötzlich in der Welt sind, ist einer schöner als der andere: "Who knows their own story? Certainly it makes no sense when we are living in the midst of it. It's all just clamor and confusion. It only becomes a story when we tell it, and retell it." - Wer kennt schon seine eigene Geschichte? Sie ergibt gewiss keinen Sinn, während wir sie erleben. Da ist nur Chaos und Geschrei. Es wird erst eine Geschichte, wenn wir sie uns wieder und wieder erzählen.

Das Genre des Musik-Dokumentarfilms ist in den vergangenen Jahrzehnten oft geschändet worden. Viel zu oft. Zufall ist das nicht. Die Versuchung scheint zu groß zu sein, einen Star einfach nur zu beobachten, also auf den geprüften Zauber der Aura zu setzen und das Ganze mit ein paar spektakulären Bildern aus der ruhmreichen Vergangenheit und ein paar Aufnahmen aus dem privaten Leben zu garnieren. Den Rest erledigt der von Ruhm, Neugier und Verehrung geblendete Fan dann schon selbst.

Und so sind sogar die ambitionierteren Musik-Dokumentationen bestenfalls geschickte Montagen von ein paar guten Momenten und alten Geschichten (wie Malik Bendjellouls "Searching For Sugar Man"), schlimmstenfalls aber einfallslos aufgemotzte Konzertmitschnitte (wie Martin Scorseses Rolling-Stones-Doku "Shine A Light"). Der Magie des jeweiligen Künstlers ist man besser schon vorher verfallen. Und zwar idealerweise schon seit Jahrzehnten - denn dann verhelfen einem auch noch die verklärten Erinnerungen an die eigene Jugend zu einem wohligen kleinen Nostalgieschauer.

Bei diesem Film ist das alles ausnahmsweise nicht nötig. Es könnte eher passieren, dass man Nick Cave hinterher verfallen ist. Diesem Sänger, der einem durch den Kopf direkt ins Herz fassen kann. Oder umgekehrt. Und dann ist natürlich doch alles, was einmal zwischen einem selbst und seinen Songs stand, völlig egal. Dann kann der Mann so pathetisch sein, wie er will. Also beinahe wenigstens. Oder vielmehr: Das Pathos ist nicht mehr dasselbe. Womit wir bei der Weisheit wären.

Die Weisheit der Popkultur hat ja generell einen schweren Stand. Der Schriftsteller Will Self etwa hat im New Statesman kürzlich eine zornige Kolumne geschrieben, in der er seine Generation (der auch Nick Cave angehört, Self ist nur unwesentlich jünger) wortgewaltig für die herrschende "Bullshit-Kultur" verantwortlich machte: "Wir Mittfünfziger sind schuld. Wir sind die tattooten, gepiercten, kurze Hosen tragenden, Joints rauchenden, neurotischen Deppen, die die kommerzielle Ausbeutung der Gegenkultur angeführt haben. Wir haben uns die Avantgarde geschnappt und sie zu einer Hilfseinheit des kapitalistischen Blitzkriegs gemacht. Wir sind die Vollidioten, die behaupteten, dass es keinen Unterschied gebe zwischen Hoch- und Populärkultur und dass Werbung Kunst sei." Nun, Werbung meistens vielleicht wirklich nicht.

Aber wenn man bei Nick Cave ganz genau hinhört, dann scheint es, als ob er es geschafft hat, seine inneren Dämonen zu bändigen, indem er sie davon überzeugt hat, lieber erst mal nach ihren eigenen Dämonen zu suchen. Er ist nicht auf der Suche nach den bösen Geistern, um sie mit großer Geste auszutreiben. Er sucht sie, um mit ihnen so lange zu tanzen, bis sie sich auch vor ihm fürchten. Ein kleines bisschen wenigstens. Gerade so viel, dass es reicht für das merkwürdige Gleichgewicht des inneren Schreckens, das dieser Mann ausstrahlt.

© Tous droits réservés Süddeutsche Zeitung. Fourni par Süddeutsche Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 03/11/2014
Ein Tag als Rockstar

Der Film «20 000 Days on Earth» denkt sich einen Tag im Leben von Nick Cave aus. Das Ergebnis ist eine clevere Performance.

De Christoph Fellmann 

Rockstars muss man aus der Entfernung erkennen. Das sagt Nick Cave, als ungefähr die Hälfte dieses Films vorbei ist, der doch vorgibt, uns den australischen Sänger näherzubringen. Jedenfalls begleiten wir ihn an einem ganzen Tag, von sieben Uhr, wenn der Wecker geht, bis ans Ende eines Auftritts und darüber hinaus – es ist der zwanzigtausendste Tag im Leben dieses Musikers, der also 57 Jahre alt ist und schon lange in Brighton an der englischen Küste lebt.

Nur eben, was dieser Musikfilm besser weiss als die meisten seiner Art: ­Jeder Glamour wird banal, wenn a) die Rockdoku nur verwackelt genug draufhält, und b) das Biopic mit einem Hauptdarsteller aufwartet, der den Rockstar nur haarscharf genug imitiert.

Dass dieser Film anders ist, liegt zunächst an Nick Cave. Er ist klug genug, zu wissen, dass sein Mythos grösser ist als das Leben und dass er folglich in der Nahaufnahme nur verlieren kann. Es liegt aber vor allem auch an Jane Pollard und Iain Forsyth, die «20 000 Days on Earth» konzipiert und in Szene gesetzt haben. Eher Künstler und Performer denn Filmemacher, wurden sie für ihre Re-Enactments bekannt, etwa, als sie 1998 das letzte Konzert von David Bowie als Ziggy Stardust nachstellten.

Was man in diesen 95 Minuten also sieht, ist weniger die filmische Dokumentation des Alltags von Nick Cave. Sondern eine clever verspiegelte Performance über einen Rockstar, seine Aura und deren Aufrechterhaltung bei zunehmender Verbürgerlichung des Alltags (Cave ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein Büro, in dem er Songs schreibt). So fanden an Caves zwanzigtausendstem Tag – wie durch eine glückliche ­Fügung der Regie – nicht nur Proben statt für sein letztes Album («Push the Sky Away», 2013). Auch sprach der Sänger in der Psychoanalyse über die frü­heste Erinnerung an seinen Vater. Das war, als der ihm aus «Lolita» vorlas.

Der Hang zur Überdeutlichkeit

Das kann glauben, wer will. Gesichert ist, dass sich Nick Cave und Darian Leader, der bekannte britische Psycho­analytiker, vor dem Dreh nie getroffen haben. Ihre Gespräche waren aber nicht geskriptet, sondern improvisiert, sodass offen bleibt, was wahr ist und was spontane Flunkerei. Er habe viele seiner Songs um frühe Kindheitserinnerungen herum geschrieben, sagt der Starsänger zum verständnisvollen Nicken des Staranalytikers. Und tatsächlich, ob er nun von Janine und Julie erzählt, seinen ersten Freundinnen, die ihn in Mädchenkleider steckten, oder von seinem Vater: Jedesmal klingt es wie die Strophe eines Nick-Cave-Songs.

Schade nur, dass Cave ausplaudert, was offensichtlich ist: «Es geht darum, diese Geschichten zu erzählen und sie zu mythologisieren.» Aber auch das, seinen Hang zur Überdeutlichkeit, kennt man aus vielen seiner Lieder.

Nicht immer ist der Film so absichtsvoll. Das Mittagessen bei Warren Ellis etwa, dem Gitarristen und Geiger der Bad Seeds, geht leicht und lustig über die Bühne mit Gesprächen über Jerry Lee Lewis, Nina Simone und ihren Kaugummi. Erst später, beim Blättern in den Presseunterlagen, erfährt man, dass dieses wunderliche alte Haus an der Steilküste zur See gar nicht die Bleibe eines Bandmitglieds ist, sondern ein Museum der Küstenwache.

Auch das Archiv mit den Devotionalien aus Nick Caves dreissigjähriger Karriere steht in Wahrheit in Australien und nicht in Brighton, wohin man bloss ein paar Kisten mit Fotos und Tagebüchern verbracht hat, auf dass Nick Cave über seine Berliner Jahre und die Wucht des britischen Wetters improvisiere. Und während er im Jaguar durch Stadt und über Land fährt, steigen wie durch Geisterhand berühmte Gäste und Weggefährten zu: Mit Kylie Minogue oder dem Schauspieler Ray Winstone redet Cave dann, nicht ganz ungezwungen, über das Leben auf der Bühne und das Wesen der Performance.

Das Monster herauslocken

Es sind banale Dinge, die so enthüllt werden: dass Songs nach einiger Zeit uninteressant werden. Oder dass es auf der Bühne darum geht, sich zu verwandeln. Nur, dass das bei Nick Cave natürlich wieder klingt, als performe er einen Song: «Die Wahrheit taucht aus den Worten auf wie die Buckel eines Monsters aus der Wasseroberfläche. Im Konzert geht es darum, das Monster an die Oberfläche zu locken.»

Dass die Performance nicht der Inhalt dieses Films ist, sondern seine Form: Das ist nie besser zu sehen als im Finale, wenn die Band spielt und Nick Cave singt und einen Finger zur Berührung in die erste Reihe streckt. Für alle Fans, die dem Menschen hinter Nick Cave nahe kommen wollen, ist dieser Film wie dieser Finger. Alle anderen wissen: Rockstars erkennt man aus der Entfernung. Sie misst exakt so viel wie die Breite eines Bühnengrabens.

© Tous droits réservés Tages-Anzeiger. Fourni par Tages-Anzeiger Archiv
21/09/2014
»Ich bin immer noch ein Punk, nur habe ich jetzt einen Schneider«

Der große Melancholiker Nick Cave spricht über Freude.

De Gabriela Herpell 

SZ-Magazin: In 20 000 Days on Earth, einem Film mit Ihnen und über Sie, geben Sie offen Auskunft über sich selbst. Sie werden sogar in einer Therapiesitzung gefilmt. Ihr echter Therapeut?

Nick Cave: Das ist natürlich Fake. Die Gesprächsszenen im Film sind alle konstruiert. Nur so konnte ich überhaupt über mich reden. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre interviewt und gefilmt worden, während ich die Hecke in meinem Garten schneide, hätte ich das schwierig gefunden. Und so antworte ich sehr ehrlich, aber es fühlt sich nicht echt an, sondern als würde ich etwas im Film sagen.

Und der Therapeut ist Schauspieler?

Wieder nein. Er ist ein echter Psychotherapeut. Freudianer. Aber die Praxis ist ein Filmset. Wir haben uns hingesetzt und angefangen zu reden. Wir haben zwei Tage geredet, zehn Stunden am Tag.

Wurde also doch eine Art Therapie daraus?

Es war eine Freude, mit dem Mann zu reden. Er ist klug. Sehr viel klüger als die meisten Therapeuten, denen ich bisher begegnet bin.

Und Sie sind schon vielen Therapeuten in Ihrem Leben begegnet?

Einigen, ja. Ich bin bei keinem geblieben. Ich war ja meistens bei Therapeuten, um die Leute zu beruhigen, die Angst um mich hatten. »Ach, keine Sorge, ich gehe in Therapie«, das war so mein Spruch. So konnten sich alle gegenseitig sagen: Es wird schon gut gehen, er ist ja in Therapie.

Guter Trick. Haben Sie Therapie nie ernst genommen?

Na ja, ich bin wirklich hingegangen und habe mit den Therapeuten geredet. Aber es hat nie richtig gewirkt. Einmal war ich fünf Wochen lang bei einem Jungianer, das war bis jetzt der klügste Mann, mit dem ich je in einem Raum gesessen habe. Er hat sich für mich in dem Sinn gar nicht interessiert, nur für meine Träume. Was er daraus gezogen hat, war allerdings wirklich aufregend.

Hat Ihnen das Einsichten über sich selbst verschafft?

Ich fand es vor allem interessant. Und vielleicht hat es mir auch Einsichten verschafft. Aber ich weiß bis heute nicht, ob diese Einsichten hilfreich waren.

Sie wirken ausgeglichener als früher. Fröhlicher.

Tatsächlich? Ich bin immer noch ein Punk. Ich habe jetzt nur einen Schneider.

Sie sind verheiratet, haben Kinder, nehmen kein Heroin mehr. Haben Sie nicht mehr Freude im Leben als früher?

Ich weiß nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich betrachte mein damaliges Leben nicht als traurig. Ich hatte Spaß. Ich hatte dunkle Zeiten, aber jeder hat mal dunkle Zeiten. Jeder sollte dunkle Zeiten haben.

Echt?

Ach, ich habe keine Lust auf diese Story: Er war drogensüchtig und Gott, waren das harte Zeiten. Dann kam er runter, blieb clean, und jetzt ist alles super, Freude, Sonnenschein. Das ist in keiner Weise wahr. Erstens würde ich damit zwanzig Jahre meines Lebens diskreditieren, in denen ich Kinder bekommen und Lieder geschrieben und Frauen geliebt habe. Das Leben ist komplexer als eine solche Formel. Es kann weh tun und dabei schön sein.

Und zweitens?

Zweitens leide ich die gleichen Qualen wie früher, wenn ich Songs schreibe. Sicher, ich nehme kein Heroin mehr, das macht vieles leichter. Aber ich habe gute Tage und ich habe schlechte Tage. Ich habe viele gute Tage.

Hat es Spaß gemacht, Drogen zu nehmen?

Auf jeden Fall. Aufzuhören war kein Spaß. Ich habe lange dafür gebraucht, und es war sehr hart.

Vorstellbar, dass Sie jetzt ein Glas Wein trinken?

Wahrscheinlich schon. Aber ich habe keine Lust, es auszuprobieren. Es macht mir nichts aus, nichts zu trinken. Ich rauche gelegentlich eine Zigarette, obwohl die Leute sagen, ein Suchtmensch könne kein Gelegenheitsraucher werden.

Vielleicht sind Sie aus der Sucht herausgewachsen?

Man sagt, dass das nicht geht.

Wovon hängt es ab, ob ein Tag gut oder schlecht wird?

Ich habe vor langer Zeit festgestellt, dass meine Stimmungen nicht von außen beeinflusst werden. Sie sind in mir, egal was um mich herum geschieht.

Im Film sagen Sie selbstbewusst: »Ich könnte das Wetter mit meinen Stimmungen kontrollieren. Aber meine Stimmungen kann ich nicht kontrollieren.« Soll man das glauben?

Das können Sie glauben. So etwas würde ich natürlich im normalen Gespräch nie sagen. Das ist ein Satz, den ich für den Film geschrieben habe. Aber ich fand es toll, solche aphoristischen Sätze zu sagen, die mir im Gespräch sonst nicht einfallen.

Kann das Wetter Ihren Stimmungen etwas anhaben?

Natürlich. Zum Beispiel die Jahre in Berlin. Man kann nicht in Berlin leben und das Wetter nicht wichtig finden. Die Winter dort sind unfassbar. Ich habe mich gefragt, wie Deutschland solche Winter überhaupt zulassen kann. Man hätte Berlin doch eine Mütze überziehen können, um es etwas zu wärmen. Aber insgesamt nervt mich dieses ganze In-Sich-Reingehöre. Irgendwann habe ich beschlossen, dass Gefühle mich nicht mehr interessieren.

Was meinen Sie jetzt damit?

Ich erlaube meinen Gefühlen nicht mehr, mich an meiner Arbeit zu hindern. Das macht im Grunde jeder so, nur Künstler nicht. Jemand, der morgens seinen Laden aufmacht, fragt sich ja nicht beim Aufwachen: Fühle ich mich nach Arbeit heute? Nur das habe ich gemeint: Ich stehe morgens auf und gehe an die Arbeit, egal wie es mir geht.

Der Mann, der im Geschäft steht, erzählt vielleicht den Leuten, die einkaufen kommen und fragen, wie es ihm geht: Nicht so gut.

Okay. Vergessen wir den Typen, der im Laden steht. Der Chirurg. Der Chirurg muss operieren, ohne dass Gefühle oder Stimmungen seine Arbeit beeinflussen. So fühlt es sich für mich an.

Was überwiegt bei Ihrer Arbeit: Qual oder Freude?

Es gibt kaum etwas an meiner Arbeit, an dem ich keine Freude habe. Auch an der Qual habe ich Freude. Aber am schönsten ist es, im Studio Songs aufzunehmen. Richtig beglückend ist es, sich mit der Band zusammen eine Platte anzuhören, die gerade fertig ist. Man fängt dann erst an, die Musik zu verstehen.

Was ist mit der Bühne? Ist nicht der Auftritt das Schönste am Dasein eines Popstars?

Das Problem am Tourleben ist: Man fühlt sich grauenhaft bis zu dem Moment, in dem man auf die Bühne geht. Weil man die ganze Zeit diese latente Angst mit sich herumschleppt. Als wärst du abends mit jemandem verabredet und ersehnst und fürchtest den Abend gleichzeitig. Der ganze Tag ist von diesem Gefühl infiziert. Obwohl ich Hunderte Konzerte gegeben habe und weiß, wenn ich einmal auf der Bühne stehe, geht das weg, und ein schönes Gefühl macht sich breit. Ich kenne das alles so gut. Es bleibt trotzdem so.

Können Sie dieses schöne Gefühl beschreiben?

Energie. Ein Hochgefühl. Und ja, Freude. Im Grunde das, was jedem passiert, wenn er das tut, was er kann und gern macht. Der Chirurg zum Beispiel. Ich habe eine wunderbare Geschichte von Oliver Sacks gelesen über den Chirurgen mit dem Tourette-Syndrom. Den ganzen Tag schmeißt er Dinge an die Wand und schreit in einer Tour »Fuck, fuck, fuck!« Dann fängt er an zu operieren und wird vollkommen ruhig. So etwas Ähnliches geschieht, wenn man auf die Bühne geht. Der Sound der Band, die Erwartungen des Publikums, daraus entsteht diese unglaubliche Energie, die dich trägt.

Früher haben Sie sich einen Spaß daraus gemacht, das Publikum zu enttäuschen. Warum?

Das war noch zu Zeiten meiner Band Birthday Party. Wir haben es nicht darauf angelegt. Wir haben wilde Konzerte gespielt, explosionsartig. Die Leute haben uns dafür geliebt. Nach einer Weile haben sie erwartet, dass wir bei jedem Auftritt fast draufgehen. Irgendwann hatten wir keine Lust mehr dazu und haben uns mit dem Rücken zum Publikum auf die Bühne gestellt. Und wir haben damals auf eine perverse Art Freude daraus gezogen, das Publikum zu enttäuschen. Aber für solche Spielchen habe ich heute keine Zeit mehr.

Trennen Sie zwischen Ihrer Person als Künstler und dem Familienmenschen?

Nein. Ich bin immer derselbe, in unterschiedlichen Umgebungen. Es ist Unsinn zu glauben, dass ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, in irgendeiner Weise ein normales Leben führen kann. Egal ob innerhalb oder außerhalb seiner vier Wände. Die Geschichte, mit denen die großen Stars ja gern hausieren gehen, dass sie so seien wie die Leute da draußen, ist reine Fiktion. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, verändert dich das. Jeden. Für immer. Und es gibt kein Zurück.

So gleich?

Ja. Ein Star weiß gar nicht, wie es sich anfühlt, ein normaler Mensch zu sein. Er weiß gar nicht, wie weit er davon entfernt ist und wie ihn seine Berühmtheit deformiert. Je berühmter sie sind, desto deformierter sind sie. Und das macht sie erst interessant. So wollen wir sie ja haben, die Stars: Sie sollen sich so monströs wie möglich benehmen. Dann stürzt sich eine ganze Industrie auf sie. Und zerstört sie immer weiter.

So wie bei Amy Winehouse?

Bei Amy Winehouse war das Problem, dass sie eine Frau war. Die englische Presse konnte nicht umgehen mit ihr. Wenn das ein Typ gewesen wäre, dann wäre nichts passiert. Aber eine Frau, die wird durchs Dorf gejagt. Genau wie Kate Moss. Sie wurde erwischt, wie sie Kokain nahm, verlor ihre Werbeverträge, wurde fertig gemacht. Dann hat sie auch noch gesagt, ist mir doch egal, ich mache, was ich will. Das geht nicht bei einer Frau.

Haben Sie überlebt, weil Sie ein Mann sind?

Nein. Ich habe überlebt, weil ich nie etwas verheimlicht habe. Und ich war auch nicht so berühmt. In der Zeit mit Kylie war es kurz anders. Aber das hat nicht lang angehalten.

Sie haben 1995 dieses schöne Duett mit Kylie Minogue gesungen,

Where The Wild Roses Grow. Haben Sie zu der Zeit mit den Drogen aufgehört?

Wie kommen Sie denn darauf? Nein, sicher nicht in dieser Zeit. Das Absurde an der Phase mit Kylie war ja, dass wir, als Band, total fertig waren: ein Haufen Junkies, ernsthaft süchtig. Und da trat Kylie in unser Leben, dieses süße, schöne, strahlende, glückliche und gesunde Geschöpf. Sie hat uns alle für einen Moment verändert, denn wir sahen uns plötzlich mit ihren Augen. Wenn ich daran zurückdenke, könnte ich sentimental werden. Obwohl wir uns selten treffen und uns wenig verbindet, haben wir den Kontakt nicht verloren. Darum taucht sie auch im Film jetzt auf. Das war mir unheimlich wichtig.

Sie stammen beide aus Australien. Vielleicht verbindet das?

Eher nicht. Kennen Sie Australier? Die sagen nicht, wie es ihnen geht. Sie sind nicht ehrlich. Sie sind extrem konservativ. Sie können es nicht leiden, wenn jemand heraussticht. Wenn einer ihnen zu groß wird, machen sie ihn um einen Kopf kürzer. Und sie mögen keine Probleme. Sie hassen Probleme. So sind wir.

Erkennen Sie sich darin noch?

Ich glaube, ich habe noch viel davon. Als ich in den Achtzigerjahren nach Berlin kam, war ich schockiert, was sich die Leute dort so ins Gesicht gesagt haben. Dass sie gezeigt haben, wenn sie wütend waren oder traurig. Die Australier zeigen sich nicht. Besonders die Frauen nicht. Die archetypische Australierin ist stark und tapfer und beklagt sich nie. Als würde sie nichts fühlen.

Und der Mann?

Ach, der Mann. Reden wir nicht von Männern. Frauen wissen gar nicht, wie Männer sind, wenn sie unter Männern sind. Ich bin ständig unter Männern, ich muss es wissen. Männer können sich selbst nicht ausstehen.

Hätten Sie vor zwanzig Jahren gedacht, dass Sie mal so etwas wie ein normales Leben führen würden, mit Frau und Kindern in einer Stadt am Meer?

Also, wenn ich ehrlich bin, ja. Als ich Susie zum ersten Mal sah, hatte ich so ein Gefühl, dass es so sein könnte. Und wir lieben uns noch. Das ist erstaunlich, oder?

Sie sind sich Ende der Neunzigerjahre im Naturhistorischen Museum in London zum ersten Mal begegnet. Sind Sie auf sie zugegangen?

Ich habe vorsichtige Babyschritte auf sie zu gemacht. Aber erst in den nächsten Tagen. Ich bin eher schüchtern in der Hinsicht. Vielleicht kamen auch Babyschritte von ihrer Seite.

Sie haben mal gesagt, sie wüssten nicht, was eine gesunde Beziehung sein soll. Wissen Sie es jetzt?

Ob ich eine gesunde Beziehung mit meiner Frau führe, möchten Sie wissen. Wir verstehen uns gut, das ist schon mal ein Anfang, oder? Ich weiß immer noch nicht, was eine gesunde Beziehung ist. Aber wir kommen klar. Wir sind die meiste Zeit glücklich miteinander.

© Tous droits réservés Süddeutsche Zeitung. Fourni par Süddeutsche Zeitung Archiv
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Données du filmo

Autres titres
20.000 Days on Earth DE
20 000 jours sur Terre FR
Genre
Musique / Danse, Documentaire
Durée
97 Min.
Langue originale
Anglais
Ratings
cccccccccc
ØVotre évaluation7,5/10
IMDB:
7,5 (10622)
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Casting & Equipe techniqueo

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gPresse écrite
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Stephen Holden
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Critique Süddeutsche Zeitung
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